Schadstofferfassung am Arbeitsplatz – welche Technik passt zu Ihrer Anwendung?
Gefahrstoffe am Arbeitsplatz – ob als Dämpfe, Gase, Stäube oder Aerosole – stellen ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar. Ohne wirksame Erfassung können sich Schadstoffe im Raum verteilen, in den Atembereich der Beschäftigten gelangen und langfristig Erkrankungen der Atemwege oder sogar Organschäden verursachen. Technische Absaugsysteme erfassen diese Stoffe möglichst nahe an der Quelle und sind damit ein zentraler Baustein des Arbeitsschutzes.
Rechtliche Grundlagen wie die Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) und zugehörige Technische Regeln für Gefahrstoffe (z. B. TRGS 500, TRGS 526) fordern, dass Gefahrstoffexpositionen so weit wie möglich reduziert werden. Technische Maßnahmen – insbesondere eine wirksame Schadstofferfassung – haben dabei Vorrang vor organisatorischen und persönlichen Schutzmaßnahmen (STOP-Prinzip).
Grundprinzipien der Schadstofferfassung
Bei der Auswahl der passenden Absaugtechnik ist ein Prinzip entscheidend: Schadstoffe sollen so nah wie möglich am Entstehungsort erfasst werden (Quellabsaugung), bevor sie sich im Raum verteilen.
- Quellnahe Erfassung (z. B. Absaugarme, Erfassungshauben): Hohe Erfassungseffizienz, geringer Luftvolumenstrom, gezielter Personenschutz.
- Teilumschlossene Erfassung (z. B. Laborabzug, Sicherheitswerkbank, Laminar-Flow-Werkbank): Kombination aus Luftführung und baulicher Umschließung.
- Allgemeine Raumlüftung: Ergänzt die lokale Erfassung, ist aber allein in der Regel nicht geeignet, Gefahrstoffe zuverlässig zu kontrollieren.
Im Folgenden werden die wichtigsten Systeme zur Schadstofferfassung vorgestellt – mit typischen Einsatzgebieten sowie Vor- und Nachteilen aus Betreiberperspektive.
Absaugarme / Quellenabsaugung
Absaugarme (Quellenabsaugungen) sind hochflexible Erfassungseinrichtungen, bei denen der Erfassungstrichter direkt an die Emissionsquelle herangeführt wird. Sie werden in Laboren, Werkstätten und Produktionsbereichen eingesetzt, zum Beispiel beim Pipettieren, Dosieren, Umfüllen, Kleben, Löten oder bei Kleinstreaktionen mit Lösemitteln.
Typische Einsatzgebiete
- Laborarbeiten mit geringeren Stoffmengen (Dämpfe, Dämpfe aus Lösemitteln, leichte Stäube)
- Klebstoff- und Lösemittelanwendungen in der Fertigung
- Elektronik-Arbeitsplätze (Lötrauchabsaugung)
- Qualitätskontrolle, Probenvorbereitung, Laborwaagen mit lokaler Erfassung
Vorteile von Absaugarmen
- Sehr quellnahe Erfassung – geringer Luftbedarf bei hoher Wirksamkeit
- Hohe Flexibilität durch frei positionierbare Gelenkarme und verschiedene Haubenformen
- Geringe Investitionskosten im Vergleich zu großen Laborabzügen
- Auch nachträglich gut in bestehende Arbeitsplätze integrierbar
Grenzen und Nachteile
- Wirksamkeit stark abhängig von der korrekten Positionierung durch die Mitarbeitenden
- Bei großen Stoffmengen oder starken Freisetzungen oft nicht ausreichend
- Nur begrenzter Schutz gegen Spritzer, Splitter oder größere Leckagen
Absaughauben und Erfassungshauben
Absaughauben sind größer dimensionierte Erfassungseinrichtungen, die einen ganzen Arbeitsbereich oder Prozess überdecken, z. B. Schleifplätze, Misch- oder Abfüllstellen. Sie werden häufig über dem Prozess (z. B. Deckenhauben) oder seitlich (Seitenhauben) angeordnet.
Typische Einsatzgebiete
- Schleif- und Polierarbeitsplätze mit Staubentwicklung
- Abfüllanlagen, Mischstationen, offene Wannen und Bäder
- Arbeitsplätze mit größeren Bauteilen, bei denen ein Laborabzug nicht praktikabel ist
Vorteile von Absaughauben
- Geeignet für größere Emissionsquellen und Bauteile
- Erfassung auch bei Bewegungen der Werkstücke möglich
- Relativ einfache Konstruktion (Haube + Kanal + Filter-/Ventilator-Einheit)
Grenzen und Nachteile
- Erfassungsgrad meist geringer als bei Absaugarmen oder umschlossenen Systemen
- Oft hohe Luftvolumenströme erforderlich (Energiebedarf)
- Querströmungen im Raum können die Erfassung deutlich verschlechtern
Laborabzug – Standard im chemischen Labor
Der Laborabzug ist die klassische technische Schutzmaßnahme im chemischen Labor. Er ist eine teilumschlossene Arbeitskammer mit vertikaler Schiebescheibe, in der die Luft kontinuierlich abgesaugt wird. Arbeiten mit Gefahrstoffen in Form von Dämpfen, Gasen, Aerosolen oder Stäuben in relevanten Mengen sollen grundsätzlich im Laborabzug durchgeführt werden.
Typische Einsatzgebiete
- Umgang mit flüchtigen Lösemitteln, Säuren, Laugen, toxischen Gasen
- Reaktionsansätze, Synthesen, Destillationen
- Verdampfen, Erhitzen, Trocknen von Gefahrstoffen
Vorteile des Laborabzugs
- Hoher Personenschutz bei sachgemäßer Nutzung
- Teilweise Brandschutzwirkung (z. B. Rückhaltung von Flammen, Splittern im Notfall)
- Geeignet für viele unterschiedliche Laborprozesse
Grenzen und Nachteile
- Hoher Luftvolumenstrom → Energieverbrauch in der Gebäude-Lüftung
- Wirksamkeit abhängig von richtiger Bedienung (Frontschieberhöhe, keine Querströmungen etc.)
- Nicht ideal für sehr große Apparaturen oder offene Großgebinde
Sicherheitswerkbänke – Schutz für Mensch, Produkt und Umgebung
Mikrobiologische Sicherheitswerkbänke der Klasse II nach DIN EN 12469 werden vor allem in mikrobiologischen und zellkulturtechnischen Laboren eingesetzt. Durch eine Kombination aus gerichteter Luftströmung (Inflow/Downflow) und HEPA-Filtration bieten sie Schutz für Bediener, Produkt und Umgebung.
Typische Einsatzgebiete
- Mikrobiologie- und Zellkulturlabore
- Arbeiten mit biologischen Arbeitsstoffen (z. B. BSL2)
- Herstellung und Verarbeitung steriler Proben, Diagnostika und Arzneimittel-Batches
Vorteile von Sicherheitswerkbänken (Klasse II)
- Personenschutz durch gerichteten Luftstrom in die Werkbank
- Produktschutz durch gefilterte Zuluft (steriler Arbeitsbereich)
- Umgebungsschutz durch HEPA-gefilterte Abluft
Grenzen und Nachteile
- Nicht für stark chemisch aggressive oder explosionsfähige Atmosphären gedacht
- Regelmäßige wartungspflichtige HEPA-Filter (Kosten, Stillstandzeiten)
- Nur für klar definierte Prozesse – keine „Allzweckwerkbank“ für alle Gefahrstoffe
Laminar-Flow- und Reinraumwerkbänke – Produktschutz im Vordergrund
Laminar-Flow-Werkbänke (Reinraum- oder Produktschutzwerkbänke) erzeugen einen partikelfreien Arbeitsbereich durch vertikale oder horizontale laminare Luftströmung mit HEPA-/ULPA-Filtration. Im Gegensatz zur mikrobiologischen Sicherheitswerkbank steht hier meist der Produktschutz im Vordergrund; der Personenschutz ist eingeschränkt oder nicht gegeben.
Typische Einsatzgebiete
- Pharmazeutische und kosmetische Abfüll- und Verpackungsprozesse
- Medizintechnik, Optik und Elektronikfertigung (ESD- und Partikelschutz)
- Reinraum- oder Reinraum-in-the-Box-Lösungen für sensible Bauteile
Vorteile von Laminar-Flow-Werkbänken
- Hoher Produktschutz (partikel- und keimarme Zone)
- Oft wirtschaftliche Alternative zu vollständigen Reinräumen
- Modulare Systeme, teilweise ortsveränderlich und gut nachrüstbar
Grenzen und Nachteile
- Je nach Bauart kein oder nur eingeschränkter Personenschutz – kritisch bei Gefahrstoffen
- Strikte Anforderungen an Bedienung, Sauberkeit und Wartung
Vergleich der Systeme zur Schadstofferfassung
| System | Schutzart | Typische Einsatzgebiete | Vorteile | Grenzen / Nachteile |
|---|---|---|---|---|
| Absaugarm (Quellabsaugung) | Personenschutz (lokal), begrenzter Raumschutz | Labor, Elektronik, Klebstoffe, kleine Lösemittelmengen | Sehr quellnah, flexibel, geringer Luftbedarf | Abhängig von Positionierung, begrenzt bei großen Stoffmengen |
| Absaughaube | Personen- und Raumschutz (bereichsbezogen) | Schleifen, Polieren, Mischen, Abfüllen | Geeignet für größere Prozesse, einfache Konstruktion | Höhere Luftvolumenströme, anfällig für Querströmungen |
| Laborabzug | Hoher Personenschutz, begrenzter Produktschutz | Chemische Reaktionen, Lösemittel, Säuren/Laugen | Bewährte Standardlösung, gute Rückhaltung von Gefahrstoffen | Hoher Energiebedarf, Wirksamkeit bedienungsabhängig |
| Sicherheitswerkbank (Klasse II) | Personen-, Produkt- und Umgebungsschutz | Mikrobiologie, Zellkultur, Biologie/Biotechnologie | Sterile Bedingungen, umfassender Schutz durch HEPA-Filter | Keine Lösung für alle Gefahrstoffe, Filterwartung erforderlich |
| Laminar-Flow-Werkbank (Produktschutz) | Produktschutz, eingeschränkter Personenschutz | Pharma, Medizintechnik, Elektronik, Reinraumprozesse | Partikelfreie Zone, kompakte Alternative zum Reinraum | Für toxische Gefahrstoffe meist ungeeignet, klare Grenzen beim Personenschutz |
Wie wählt der Betreiber das richtige System?
Die Auswahl der passenden Technik zur Schadstofferfassung sollte immer auf einer Gefährdungsbeurteilung basieren. Folgende Fragen helfen bei der Entscheidungsfindung:
- Welche Stoffe werden eingesetzt (Giftigkeit, Flüchtigkeit, Staubverhalten, biologische Gefährdung)?
- In welchen Mengen und Häufigkeiten treten Emissionen auf?
- Arbeiten eine oder mehrere Personen gleichzeitig am Prozess?
- Ist vor allem der Personenschutz, der Produktschutz oder beides entscheidend?
- Welche Schnittstellen bestehen zur bestehenden Gebäude- und Raumlüftung?
- Welche Wartungs- und Prüfintervalle sind erforderlich (z. B. Filterwechsel, sicherheitstechnische Prüfungen)?
In vielen Fällen ist eine kombinierte Lösung sinnvoll – etwa Absaugarme an einzelnen Arbeitsplätzen, ergänzt durch Laborabzüge für anspruchsvollere Tätigkeiten und spezielle Sicherheits- oder Laminar-Flow-Werkbänke für biologische oder reinraumtechnische Prozesse.
Fazit: Gezielt erfassen – Mitarbeitende nachhaltig schützen
Eine wirksame Schadstofferfassung am Arbeitsplatz ist ein wesentlicher Bestandteil des betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutzes. Je genauer die Erfassungstechnik zum Prozess passt, desto höher sind Schutzwirkung und Wirtschaftlichkeit. Absaugarme und Absaughauben ermöglichen eine flexible Quellabsaugung, Laborabzüge sichern standardisierte chemische Arbeiten ab, Sicherheitswerkbänke schützen Mensch, Produkt und Umgebung bei biologischen Arbeitsstoffen und Laminar-Flow-Werkbänke sorgen für partikelarme Bedingungen in der Fertigung.
Als Betreiber profitieren Sie von einer sorgfältigen Planung, fachgerechten Installation und regelmäßigen Wartung Ihrer Absaug- und Schutzsysteme – so erhöhen Sie die Sicherheit Ihrer Mitarbeitenden, reduzieren Ausfallzeiten und erfüllen gleichzeitig die gesetzlichen Anforderungen an den Umgang mit Gefahrstoffen.
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